6. September 2021

Weitere Stolpersteine gegen das Vergessen in Sossenheim verlegt

Zum Gedenken und in Erinnerung an Walter, Dora und Hans Allfeld

„Steine gegen das Vergessen“ stand auf dem Banner. Andreas Will, mit Mikrofon, hielt die Laudatio vor zahlreichen Teilnehmern. Fotos: Krüger

Die Verlegung der „Stolpersteine“ in Sossenheim gehen aus der Initiative des Stadtteil-Historikers und Vorstandsmitglied des Heimat- und Geschichtsverein Sossenheim, Heinz Hupfer, hervor. Die bei seinen Recherchen zur Chronik von Sossenheim erarbeiteten Details, wurden auf seinen Vorschlag von den Koordinatoren Claudia Michel, Hartmut Schmidt und Martin Dill von der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. aufgegriffen, die auch am gestrigen Sonntag, 5. September 2021, vor Ort waren.

Zur festlichen Einstimmung spielte Emilia Lanzeni auf der Querflöte. Hartmut Schmidt begrüßte die Teilnehmer und bedankte sich bei allen Mitinitiatoren, Helfern und dem Heimat- und Geschichtsverein, sowie für die Spendenaktion von „Folk for Benefiz“, vertreten durch Peter Hankiewicz, wodurch „diese heute verlegten Stolpersteine finanziert wurden“. An Heinz Hupfer gerichtet sagte er: „Ohne Ihre Recherchen, Herr Hupfer, wäre das alles nicht möglich!“

Der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Andreas Will, sprach sodann zu den Anwesenden und las den folgenden Text vor:

„Stolpersteine bieten eine Gelegenheit, sich im Alltag mit der Vergangenheit auseinander zu setzen, sich berühren zu lassen von der Vergangenheit – vor allem und gerade durch das individuelle Schicksal, das einen Namen und ein Gesicht bekommt. ‚Ein Mensch ist vergessen, wenn sein Name vergessen ist‘, so steht es im Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums. Damit Familie Allfeld nicht vergessen geht, verlegen wir für jeden von ihnen heute einen Stolperstein. Hierzu begrüße ich Sie im Namen des Heimat- und Geschichtsverein Sossenheim, ebenfalls recht herzlich, hier in Sossenheim, in der Renneroder Straße 23.

Nachdem im Jahr 2018 und 2020 die ersten drei Stolpersteine in Sossenheim verlegt wurden, freue ich mich sehr, dass auf Initiative des Stadtteil-Historikers und Vorstandsmitglieds im Heimat- und Geschichtsverein, Heinz Hupfer und der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V., heute drei weitere Steine hinzukommen. An dieser Stelle möchte ich Heinz Hupfer für seine Recherchen zur Familie Allfeld danken.

Der Heimat- und Geschichtsverein finanziert diese Verlegung durch eine Spende der Sossenheimer Initiative „Folk for Benefiz“ um Peter Hankiewicz, dem wir ebenfalls recht herzlich danken möchten.

Die Familie Allfeld – das sind der 1894 in Sossenheim geborenen Maschinenschlosser Walter Allfeld, seine Frau, die aus Friedberg stammende, 1889 geborene, Dora Allfeld, die mit Mädchennamen Adler hieß, und der 1921 in Höchst geborene Sohn Hans. Die Familie wohnte zunächst in Sossenheim in der Kirchstraße 19, der heutigen Michaelstraße, und zog später in die Renneroder Straße 23 um. Vater Walter war den nationalsozialistischen Machthabern schon früh ein Dorn im Auge, denn er war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands und kandidierte in den 20er-Jahren sogar auf kommunaler Ebene bei Wahlen. Seine Frau Dora stammte aus einer jüdischen Familie, so dass die Ehe nach nationalsozialistische Duktus eine „arisch-jüdische Mischehe“ war.

Für die Familie begannen in den 30er-Jahren die Schikanierung und Diskriminierung durch das Nationalsozialistische Regime. Der Vater wurde neun Mal wegen sogenannter „antifaschistischer Betätigung“ in Schutzhaft genommen, das hieß damals in eine alleine von der Polizei angeordnete Haft, ohne richterlichen Beschluss. Sohn Hans wurde 1938 vom Höchster Leibniz-Gymnasium verwiesen, da er aufgrund seiner jüdischen Mutter dort nicht mehr ‚tragbar‘ war. Als sei dies noch nicht schlimm genug, traf Dora Allfeld die volle Wucht der Schikanierungen: Sie musste den Davidstern tragen, durfte als Jüdin zum Beispiel keine Bankgeschäfte mehr tätigen. Zudem wurde sie vom evangelischen Gottesdienst ausgeschlossen – ihr Mann war protestantisch – und musste damals bereits – also noch während sie in Frankfurt wohnte – Zwangsarbeit in einer Fabrik leisten.

Im Jahr 1945 traf die Familie ein besonders hartes Schicksal: Im Januar wurde die Mutter von der Gestapo verhaftet und in das Lager Theresienstadt, im heutigen Tschechien, deportiert. Walter und Hans kamen in das Zwangsarbeiter-Lager Clausthal-Zellerfeld in Niedersachsen, wo sie in der dortigen Munitionsproduktion Zwangsarbeit leisten mussten.

Zum Glück für die Familie war das Nationalsozialistische Regime wenige Monate später vorbei und alle drei konnten befreit werden und nach Frankfurt zurückkehren. Sie lebten zuerst in Niederrad und kamen dann zurück in ihren Heimatstadtteil Sossenheim, wo sie in der Kurmainzer Straße 93 wohnten. Man kann sich vorstellen, dass die Allfelds sich hier nicht mehr heimisch fühlten. Mit den Erinnerungen an alle Diskriminierungen und Schikanen – zudem war ihr Vermögen, das mit der Deportation beschlagnahmt worden war, weiterhin eingezogen – und so fassten sie 1947 den Entschluss, in die USA auszuwandern. Über Bremen ging es mit dem Schiff nach New York, wo die Familie auch fortan in Manhattan lebte.

Es stimmt doch etwas froh, dass die Familie angesichts ihres Schicksals endlich wieder vereint sein konnte, aber vollständig ausgestanden war die dunkle Zeit noch nicht: Über 17 Jahre zog sich das Entschädigungsverfahren hin, bis ihnen ein Anspruch auf Kapitalentschädigung und Rente zugestanden wurde. Dora Allfeld starb 1975 in New York. Von ihrem Ehemann und Sohn sind mir keine Todesdaten bekannt.“

Drei Stolpersteine auf dem Gehweg erinnern an das Schreckliche.

Dann wurden die drei Stolpersteine mit einer Verbeugung enthüllt. Abschließend spielte Emilia Lanzeni nochmals auf der Flöte. mk

Recherchen von Heinz Hupfer zu Familie Allfeld:

Familie Allfeld 26.06.2021 fin Arial

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