10. Juli 2025

Ein großes, einzigartiges Uhrenprojekt

SINN-Auszubildende bauen Großuhr in Eigenregie mit ungeahnten Herausforderungen

Stolz präsentiert Ben Moroff die Großuhr mit der Nummer 001. Er ist der erste Auszubildende bei Sinn Spezialuhren, der einen solchen Zeitmesser mit all seinen technischen Details und anspruchsvollen Feinheiten selbst gefertigt hat. Foto: SINN Spezialuhren

Auszubildende des in Sossenheim ansässigen Uhrenherstellers Sinn Spezialuhren bauten Großuhren in Eigenregie. Dieses einzigartige Projekt wurde unter fachmännischer Anleitung von Ausbildungsleiterin Jessica Schmitt und Ausbilder Hermann-Josef Müller auf professionellem Niveau in jedem einzelnen Bearbeitungsschritt eigenhändig umgesetzt.

Zum allerersten Mal in der Ausbildungsgeschichte von Sinn Spezialuhren wurde so ein Großprojekt durchgeführt – vom Werk bis zum Gehäuse, von den Zeigern bis zur Pendelstange. Gefragt waren dabei Problemlösungskompetenz, Kreativität und eine Menge Findigkeit.
Am Anfang der Uhrmacherausbildung steht die reine Metallbearbeitung. Feilen, Fräsen, Schleifen und Drehen lauten die ersten, für das Handwerk grundlegenden Fertigkeiten. Dazu eignen sich Großuhren am besten, das Arbeiten an und mit Kleinuhren erfolgt im späteren Verlauf der Ausbildung. „Üblicherweise führen die Auszubildenden diese Fertigkeiten an Werkstücken oder Modellen aus, die nach der Bearbeitung in der Praxis keine Rolle mehr spielen. Werden jedoch die bearbeiteten Teile für eine Großuhr genutzt, die die Auszubildenden selbst erstellen, bekommen diese Tätigkeiten einen neuen Stellenwert. Auch die Motivation ist eine andere. Beides trägt die Auszubildenden durch die gesamte Ausbildung”, erklärte Hermann-Josef Müller die Idee des Projekts Großuhren.
Alle Beteiligten mussten immer wieder ungewöhnliche Wege gehen. Denn die Suche nach einer Vorlage für eigene Konstruktionen gestaltete sich schwieriger als gedacht. Ein alter Regulator einer Kollegin erfüllte schließlich die angedachten Kriterien. Doch es fehlten technische Zeichnungen und Pläne, auf deren Basis die Auszubildenden die Uhr fachgerecht herstellen konnten. Hermann-Josef Müller zerlegte die Uhr in Einzelteile und dokumentierte alles fotografisch. „Bewaffnet” mit einem Messschieber und anderen Messwerkzeugen, entnahm er dem Uhrwerk alle wichtigen Maße und beauftragte die Mitarbeiter in der eigenen Entwicklungsabteilung, die über 100 Uhrwerksteile in technischen Zeichnungen festzuhalten.
Mit dem Ausbildungsjahrgang 2022 begann die Umsetzungsphase. Doch der Enthusiasmus der Beteiligten wurde zunächst gebremst. Der Grund: das Fehlen von Maschinen und die Schwierigkeit, sie aufzutreiben. „Wir brauchten eine spezielle, nur noch selten eingesetzte Räderschneidmaschine. Mit Geduld und Glück konnten wir nach langem Suchen in der Schweiz im wahrsten Sinne des Wortes ein letztes Exemplar auftreiben. Sie war schon in die Jahre gekommen, aber noch funktionstüchtig. Zusätzlich mussten wir eine weitere Uhrmacher-Drehmaschine und eine Präzisions-Tischbohrmaschine anschaffen”, berichtete der Ausbilder.
Vorlagensuche, schwer zu beschaffende Maschinen, Investitionskosten: Weitere Herausforderungen ließen nicht lange auf sich warten. „Zum einen fehlte uns in weiten Teilen die praktische Erfahrung mit dem Bau von Großuhren. Also mussten wir uns das Know-how erarbeiten. Das bedeutete: Learning by Doing. So haben wir beispielsweise anfangs einige Teile mehrfach herstellen müssen, also tatsächlich Lehrgeld gezahlt. Zum anderen tauchten immer wieder ungeahnte Probleme auf, die viel Improvisationstalent erforderten. Und dennoch: Niemand hat sich entmutigen lassen”, erläuterte Hermann-Josef Müller.
Parallel zur Lösung der technischen Aufgaben stand die Frage nach dem Aussehen und dem Bau des Gehäuses im Raum. Dazu entwarf Hermann-Josef Müller im ersten Schritt einen Plan, der anschließend per CAD gezeichnet wurde. Auf Basis dieser Zeichnung fertigte ein Schreiner Bausätze in Eiche, Nussbaum und Kirschbaum an. Anschließend kamen Schreinermeister Frank Leipold, die Ausbilderin Jessica Schmitt, Ausbilder Hermann-Josef Müller sowie die Auszubildenden zu einem Seminar zusammen. Oberflächenbearbeitung, Schleifen und Ölen standen im Mittelpunkt. Die Auszubildenden erhielten somit „nebenbei” einen Schnellkurs in Holzbearbeitung. Auch für die Montage des Gehäuses und die Herstellung eines speziellen Halterahmens für das Kleben der Frontscheibe in den Holzleisten der Tür erarbeiteten sich die Beteiligten gemeinsam das Fachwissen.
Aus den Rahmenbedingungen zur Herstellung lässt sich ableiten, dass jede Großuhr, die von einer oder einem Auszubildenden erstellt wird, ein Unikat ist, das sich unter anderem in Details wie Zeigern und Zifferblatt unterscheidet, weil hier die Freiheit der eigenen Gestaltung gegeben ist. „Tatsächlich erreichen wir eine hundertprozentige Fertigungstiefe in der eigenen Ausbildungswerkstatt. Und man muss es klar sagen: Ein solches Projekt mit all den anspruchsvollen Tätigkeiten verläuft auf Meisterniveau. Die Fertigung der Großuhr, so wie wir sie ausführen, geht weit über den Ausbildungsrahmenplan des Uhrmacherhandwerks hinaus”, meint Hermann-Josef Müller stolz.
All dies ist möglich, weil eines der Unternehmensziele von Sinn Spezialuhren die „Förderung der Verwendung und des Erhalts der traditionellen Handwerkstechniken, insbesondere des Uhrmacherhandwerks” ist. Das Projekt Großuhr passt damit in die Firmenphilosophie. Zudem knüpft es nahtlos an die Tatsache an, dass das Uhrmacherhandwerk zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört. Also ist dieses Projekt auch eine Investition in die Zukunft des Handwerks insgesamt. red

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